DISKURS

Von Zauberhand

Im Rahmen des alljährlichen MERGE Festivals 2014 in London ließ Alex Chinneck ein zweigeschossiges Gebäude aus Wachs errichten. Innerhalb von 30 Tagen schmolz die Installation namens "a pound of flesh for 50p" vollständig.

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Von Zauberhand

  • Autor: Christiane Fath
  • Fotos: Thomas Mayer, Chris Tubbs, Filip Dujardin

Abrutschende Fassaden, verdrehte Schornsteine, schmelzende Wohnhäuser: Der britische Bildhauer Alex Chinneck spielt mit den Regeln unserer gebauten Realität. Was kann die Architektur von seinen surreal-humorvollen Eingriffen lernen? Alex Chinneck diskutiert mit dem Kölner Architekten Christian Heuchel, O&O Baukunst, und den Bauwelt-Redakteuren Benedikt Crone und Chefredakteur Boris Schade-Bünsow über Showarchitektur, die Freiheit des Temporären und das Bauen mit Pointe.

Eine Londoner Hauptstraße im Herbst 2014. Am Fuße einer Eisenbahnbrücke, nicht weit von der Tate Modern und Renzo Pianos Glashochhaus „The Shard“, passiert etwas Außergewöhnliches, als hätte die Stadt für einen Moment ihre eigene Realität verlassen: Ein Haus schmilzt. Nicht schnell, wie ein Eis in der Sonne, sondern allmählich, wie eine dicke Bienenwachskerze auf einem Kirchenaltar. Über einen Monat, Tag für Tag, gerinnen aus scheinbar festen Ziegelsteinen lange rote Wachsfäden. Sie werden länger und länger, treffen auf andere Fäden der unteren Steine, überlagern sich und bilden Schichten, bis sie am Boden in einer braunroten Masse versickern. Das einfache Ziegelhaus mit Satteldach, das in diesem Herbst samt Fenster und Tür in sich zusammensackt, war ein Werk des britischen Bildhauers Alex Chinneck (siehe Gespräch, Seite 8). Über 8.000 rötlich gefärbte Steine aus Paraffin-Wachs hatte er zusammenbauen und nach Vollendung dahinschmelzen lassen – an einer Stelle, an der vormals eine Wachsfabrik stand.

Es war nicht das erste aufsehenerregende Werk des heute 33-jährigen Briten. Berühmt ist Chinneck auch für eine Backsteinfassade, die von einem Londoner Haus in den Vorgarten zu rutschen schien. Damit nicht genug, zerriss er eine Hauswand in zwei Teile, drehte einen Knoten in eine dafür viel zu dicke Holzsäule und stellte sogar einen ganzen Strommast auf den Kopf. Zauberhafte Eingriffe in städtische Alltagsräume, die uns jenseits unseres bisherigen Wahrnehmungsspektrums katapultieren? Oder nur eine kurzlebige Slapstickkunst, die eine dankbare Vorlage für virale Selfies und professionelle Instagram-Kanäle liefert?

Im Rahmen des alljährlichen MERGE Festivals 2014 in London ließ Alex Chinneck ein zweigeschossiges Gebäude aus Wachs errichten. Innerhalb von 30 Tagen schmolz die Installation namens „a pound of flesh for 50p“ vollständig.

Es gibt wohl keine einfache Formel als Antwort auf die Frage, wie viel Spielerei die Räume unserer gebauten Umwelt vertragen. Alex Chinnecks Arbeiten sind temporär. Ihre Konsequenzen für die Umgebung sind zeitlich begrenzt, worin ihre Freiheit und ihre Stärke liegt. „Das wohl beste Beispiel dafür ist unser schmelzendes Haus: Wir haben ein ganzes Haus aus Wachs gebaut, welches im Laufe von dreißig Tagen geschmolzen ist. Diese Vergänglichkeit war der entscheidende Teil des Gesamtkonzepts. Sobald es zerflossen war, existierte es nur noch in der Erinnerung.“, erläutert der Bildhauer.

Alex Chinnecks Arbeiten sind temporär. Ihre Konsequenzen für die Umgebung sind zeitlich begrenzt, worin ihre Freiheit und ihre Stärke liegt.

Schwieriger wird es bei Gebäuden, deren Lebensdauer mindestens wenige Jahrzehnte beträgt oder – im guten Fall – einige Jahrhunderte. Dass Humor dabei selten eine gute Langzeitwirkung erzielt, zeigt die Architektur der Postmoderne. Ihr spielerischer Umgang mit traditionellen Bauelementen hatte sich schnell erschöpft. Die Epoche der Postmoderne erzählte einen Witz, der einmal witzig war, den man aber auf Dauer nicht mehr hören konnte, sagt der Architekturvermittler Riklef Rambow. Das Problem: Die Gebäude können bis heute nicht aufhören, ihren Witz wieder und wieder zu erzählen. Auch Alex Chinneck ist dieses Phänomen bekannt: „Es gibt eine feine Trennlinie zwischen verspielt und albern. Wenn Sie jemandem einen Witz erzählen, dann lacht er, aber wenn Sie jemandem den gleichen Witz hundertmal erzählen, dann wird er langweilig.“

Das Landesarchiv in Duisburg wurde 2014 von O&O Baukunst als Deutschlands größtes Archivgebäude fertiggestellt: Ein bestehendes Speichergebäude aus den 30er Jahren wurde durch den 76 Meter hohen fensterlosen Turm ergänzt.

Architektur muss dennoch freilich nicht bierernst sein. Eine scheinbar übertriebene Geste, wie der Bau eines 76 Meter hohen fensterlosen Backsteinturms für das NRW-Landesarchiv (O&O Baukunst, siehe Gespräch S. 8), nutzt sich nicht zwingend ab. Das liegt nicht nur daran, dass die Fensterlosigkeit für ein Archiv funktional nachvollziehbar ist, sondern auch an der profanen Umgebung eines Industriehafens, die einen solch bildstarken Eingriff erträgt. „Es gibt tausend verschiedene Möglichkeiten, dieses Archiv zu interpretieren. Es ist ein Wesensmerkmal der Architektur, dass es immer verschiedene Meinungen gibt. Da sind die Akademiker, die den Bau eher als analoge Architektur betrachten. Und es gibt die Pragmatiker, die ein Archiv zunächst mal als rein mathematisches Gebäude wahrnehmen, bei dem man alles durchzählen kann. Und dann ist da noch Kollegah, der Rapper aus Düsseldorf, der in einem Video am Landesarchiv vorbeifährt und es ‚das hässlichste Gebäude der Welt‘ nennt.“, meint Christian Heuchel, Büropartner bei O&O Baukunst und Herausgeber des Buches „Stadt als Bühne“.

Dankbarer sind häufig subtilere Gestaltungskniffe, die einem solide ausgeführten Gebäude ein Augenzwinkern verleihen – man denke an das Vorarlberg-Museum in Bregenz, dessen Fassade mit Betonreliefs aus handelsüblichen PET-Flaschenböden versehen wurde: ein raffinierter Kunstgriff, ohne aufdringlich zu werden. Auch nachträgliche, ein Gebäude ergänzende Interventionen, für die der österreichische Künstler Erwin Wurm bekannt ist, funktionieren als geschickte Kommentierung eines Bestandes.

„Es gibt tausend verschiedene Möglichkeiten, dieses Archiv zu interpretieren. Es ist ein Wesensmerkmal der Architektur, dass es immer verschiedene Meinungen gibt.“

Christian Heuchel, O&O Baukunst, Köln

Filip Dujardin ist ein belgischer Künstler und Architekturfotograf. In seiner Montagereihe „Fictions“, zu der diese Abbildung gehört, fügt er Ausschnitte von existierenden Gebäuden in und um Gent (BE) zu digitalen Collagen zusammen.

Gänzlich frei in seiner Arbeit bleibt jeder, der den umgekehrten Weg der spielerisch-surrealen Gestaltung wählt und die gebaute Realität nur als Vorlage für seine zwei- oder dreidimensionale Kunst sieht. Berühmt ist dafür der belgische Fotograf Filip Dujardin: Er baut aus Alltagsgebäuden seiner Heimat mittels digitaler Montagetechnik brutalistisch-verschachtelte Fantasiebauten am Bildschirm nach, die banaler Architektur nachträglich eine neue Wertigkeit verleihen. Nicht zuletzt hilft solch künstlerische Gestaltungsfreiheit, festgefahrene Architekturtrends und -diskurse zu durchbrechen und den Vorstellungssinn der Planer zu erweitern – selbst wenn der Eingriff oder dessen Wirkung nur von kurzer Dauer ist.

Für Alex Chinneck stellt sich inzwischen die Frage, wie er nach einem auf den Kopf gestellten Strommast noch gute irritierende Kunst im öffentlichen Raum schaffen kann, die nicht noch weiter ihre Lautstärke aufdrehen muss. „Ich finde es sehr schwer, das Spektakel zugunsten der Subtilität zu opfern und gleichzeitig dafür zu sorgen, so wahrgenommen zu werden, dass man sich eine Karriere aufbauen kann. Es ist fast, als müsste man an dem Punkt beginnen, wo die größte Wirkung entsteht, und sich von dort aus langsam zurückarbeiten, sobald man das Vertrauen der Menschen gewonnen hat.“ Denn auch dem Künstler ist klar: Nicht jede Intervention muss – genau wie beim Witz – laut polternd daherkommen, um beim Zuhörer oder Zuschauer den richtigen Nerv zu treffen.

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